UNESCO-Welterbe Jodrell-Bank-Observatorium

Erkenntnisse über das Universum und Wegbereiter der Radioastronomie

Das Jodrell-Bank-Observatorium markiert den Übergang von der traditionellen optischen Astronomie zur Radioastronomie. Die hier gewonnenen Erkenntnisse haben unser Verständnis des Universums grundlegend verändert.

1945 in Betrieb genommen, zählt das Jodrell-Bank-Observatorium im Nordwesten Englands zu den ältesten Forschungsstandorten für Radioastronomie weltweit. Radioastronomie untersucht astronomische Objekte anhand der von ihnen ausgesandten Radiowellen, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind und daher nicht im Rahmen der optischen Astronomie beobachtet werden können. Radiowellen geben Aufschluss über unser Sonnensystem, die Milchstraße sowie über darüber hinaus gelegene Objekte und Galaxien.

Zunächst untersuchte der Astronom Bernard Lovell am Jodrell-Bank-Observatorium in der ländlichen Gegend 40 Kilometer südlich von Manchester kosmische Strahlung mithilfe eines ausgemusterten mobilen Radars. Die ersten Forschungsergebnisse führten 1947 zur Errichtung des Transit-Teleskops mit einem Durchmesser von 66 Metern, gefolgt von weiteren Forschungsgebäuden, Lagerhallen und Kontrollräumen. Mit dem Transit-Teleskop wurde die von der Andromedagalaxie ausgehende Radiostrahlung entdeckt. Dies gilt als erster Nachweis einer Radioquelle außerhalb unserer Milchstraße. 1957 wurde dann das Lovell-Teleskop mit einem Durchmesser von 76 Metern fertiggestellt, zu seiner Zeit das größte Radioteleskop der Welt, um auch sehr schwache Signale aus sehr weiten Entfernungen empfangen zu können. 1964 wurde an der Stelle des Transit-Teleskops dann das kleinere Mark II-Teleskop errichtet. Es war damals das erste computergesteuerte Teleskop überhaupt.

Das Jodrell-Bank-Observatorium hatte maßgeblichen Einfluss auf die Wissenschaft: zum Beispiel in der Entstehung der Radioastronomie, in der Erforschung von Meteoriten, des Mondes und der Andromedagalaxie, in der Entwicklung von sehr großen Teleskopen mit Parabolspiegeln und in der Langbasisinterferometrie zur genauen Positionsmessung von Himmelskörpern. Zudem ist das Observatorium von zentraler Bedeutung für die Untersuchung der Wasserstoffverteilung in der Milchstraße und anderen Galaxien, die Entdeckung von Quasaren und die Erforschung von Pulsaren sowie für die Bahnverfolgung interplanetarer Raumflugkörper und die Suche nach Funksignalen außerirdischer Zivilisationen.

Illustration Welerbestätten

Faktenbox

Radioastronomie – Eine Revolution in unserem Verständnis des Universums

Bei der Aufnahme in die Welterbeliste im Juli 2019 in Baku (Aserbaidschan) hat das Welterbekomitee der UNESCO eine Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert des Jodrell-Bank-Observatoriums verabschiedet. Für diese neue Welterbestätte wurden vier der zehn möglichen Aufnahmekriterien als erfüllt angesehen. Demnach ist das Jodrell-Bank-Observatorium ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft (Auswahlkriterium i) in Bezug auf dessen wissenschaftliche und technische Errungenschaften. Denn die Anpassung und Weiterentwicklung der Radar- und Radioreflektivität zur Entwicklung wegweisender Forschungsgeräte, wie dem Transit- und dem Lovell-Teleskop, haben wesentlich zur Entwicklung völlig neuer Forschungsbereiche beigetragen.

Die Welterbestätte ist zudem Ausdruck eines bedeutenden weltweiten wissenschaftlichen Austauschs über technologische Entwicklungen in der Radioastronomie (Auswahlkriterium ii). Das Jodrell-Bank-Observatorium war zeitweilig das Zentrum eines weltweiten Forschungsnetzwerkes. Hier wurden erstmalig sehr große Teleskope mit Parabolspiegeln entwickelt, die die Wissenschaft weltweit beeinflusst haben, sowie die Methode der Radiointerferometrie. Dabei werden sehr weit voneinander entfernte Radioteleskope zusammengeschaltet, um zur gleichen Zeit das gleiche astronomische Objekt zu messen. Mit dieser Technik gelingen die schärfsten Aufnahmen vom Universum überhaupt.

Auszug aus der Erklärung zum Außergewöhnlichen Universellen Wert (OUV)

Understanding of the nature and scale of the Universe has been dramatically changed by research in radio astronomy at the Observatory. [This] was only possible through research beyond the possibilities of optical astronomy to explore the electromagnetic spectrum beyond visible light.

Durch die radioastronomische Forschung am Observatorium hat sich das Verständnis von der Beschaffenheit und Ausdehnung des Universums grundlegend verändert. Dies wurde erst durch die Erforschung des elektromagnetischen Spektrums jenseits des sichtbaren Lichts und der optischen Astronomie möglich.

Die Erklärung zur Aufnahme in die Welterbeliste beschreibt den Komplex des Jodrell-Bank-Observatoriums mit seinen Gebäuden und Teleskopen zudem als ein herausragendes Beispiel für ein technologisches Ensemble, das einen bedeutenden Abschnitt in der Geschichte der Menschheit versinnbildlicht (Auswahlkriterium iv). Dies bezieht sich auf den Übergang von der traditionellen optischen Astronomie zur Radioastronomie zwischen den 1940er und den 1960er Jahren. Das Observatorium ist unmittelbar mit Ideen von herausragender universeller Bedeutung verknüpft (Auswahlkriterium vi), denn der hier angestoßene Übergang zur Radioastronomie führte zu einer Revolution in unserem Verständnis von der Beschaffenheit und Ausdehnung des Universums.

Der Mensch und das Universum – Welterbe und Astronomie

Als unser gemeinsames und universelles Erbe ist der Himmel ein wesentlicher Bestandteil unserer Umwelt. Im Rahmen der Globalen Strategie für eine ausgewogene Welterbeliste wurde 2003 die Thematische Initiative Astronomie und Welterbe zur Ermittlung von Stätten und Kulturlandschaften mit Bezug zur Astronomie ins Leben gerufen. Diese Stätten sind materielle Zeugnisse der komplexen und vielfältigen Methoden und Praktiken der Menschen von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart, um das Universum zu erklären, sich darin zu verorten und ihre Handlungen nach diesem Verständnis auszurichten.

Seit 2012 informiert das Online-Portal „Portal to the Heritage of Astronomy“ über die Bedeutung des astronomischen Erbes und unterstützt bei der Ermittlung, dem Schutz und dem Erhalt der Stätten für zukünftige Generationen.

Porträtserie

Im Rahmen der 43. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees 2019 in Baku (Aserbaidschan) wurden 29 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Kultur- und Naturerbes der Menschheit.

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