UNESCO Creative City of Film im Porträt

Großes Kino in Potsdam

Seit Oktober 2019 hat Deutschland mit Potsdam eine UNESCO Creative City of Film. Weltweit gehören 18 Filmstädte dem UNESCO Creative City Netzwerk an, darunter Metropolen wie Rom oder Mumbai, aber auch kleinere Städte wie das englische Bradford oder Yamagata in Japan. Der UNESCO-Titel für Potsdam, Heimat des Studios Babelsberg, ist wohlverdient: Die Filmgeschichte reicht hier nicht nur lange zurück – sie schreibt sich bis heute immer weiter fort und setzt Zukunftszeichen für morgen. Dafür sorgen eine lebendige Start-up-Szene, eine enge Zusammenarbeit in der Filmszene und innovative Projekte zur nachhaltigen Filmproduktion.

Auf einer kleinen Bühne ringen einige Erstklässlerinnen und Erstklässler um ein Mikrofon, andere Kinder basteln am Tisch Weltraumhelme. Ein Mädchen und ein Junge bewegen eine Papierrakete langsam durch einen Glaskasten, über glitzernde Steine am Boden der „Trickkiste“ hinweg. Durch die Kamera, die die Szene von oben filmt, sieht es aus, als würde die Rakete an funkelnden Sternen vorbeifliegen. Dass sich Kinder schon in der ersten Schulklasse mit Stop-Motion-Animation beschäftigen – in Potsdam ist das nicht ungewöhnlich. Der Schulworkshop „Tanzende Sterne“ am Filmmuseum Potsdam ist Teil der Ausstellung „Mit dem Sandmann auf Zeitreise“.

Wie lang die Filmgeschichte der Stadt zurückreicht, zeigt die an die Filmuniversität angebundene Institution außerdem in ihrer ständigen Ausstellung „Traumfabrik. 100 Jahre Film in Babelsberg“. Das Museum ist nur einer von vielen Berührungspunkten der Potsdamer Bürgerinnen und Bürger mit Film. Das Thema ist in der Stadt allgegenwärtig: Restaurants dekorieren ihre Gasträume mit Filmplakaten, die Straßen tragen Namen wie „Marlene-Dietrich-Allee“, Filmfestivals ziehen jedes Jahr zehntausend Menschen an.

Wer schon in der Jugend filmische Ambitionen hat, kann das Filmgymnasium besuchen und anschließend an der Filmuniversität Babelsberg studieren. Auch als Jobmotor hat die Branche in Potsdam Gewicht: 3.500 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt in einem der rund 130 Medienunternehmen. Das bekannteste darunter ist das Studio Babelsberg.

Potsdam wird UNESCO City of Film

Medienstadt Babelsberg

Filmische Identität der Stadt

„Film ist seit Langem ein wichtiger Bestandteil der Marke Potsdam“, so formuliert es Dr. Sigrid Sommer, im Rathaus zuständig für das Marketing. Neben der hohen Lebensqualität, der Wissenschaftsdichte und den als Welterbe gelisteten historischen Schlössern und Parks trage die Filmszene mit ihren vielen Aktivitäten und Angeboten wesentlich zur kulturellen Identität der Potsdamerinnen und Potsdamer sowie zum wirtschaftlichen Erfolg der Stadt bei.

„Film ist seit Langem ein wichtiger Bestandteil der Marke Potsdam“

Dr. Sigrid Sommer, Marketingleitung Landeshauptstadt Potsdam

„Als wir an unserer Bewerbung als Creative City of Film gearbeitet haben, wussten wir gar nicht, wo wir anfangen sollten – so viel findet hier statt. Am Ende haben wir uns entschieden, nur die Highlights zu nennen“, erzählt Sommer. „Aber selbst das war noch sehr umfangreich.“ Einer ihrer persönlichen Favoriten ist der geplante „Boulevard des Films“ in einer Fußgängerzone. Etwa 50 große Granitplatten, die ab 2021 im Zuge der Sanierung der Brandenburger Straße in die Pflasterung aufgenommen werden, widmen sich in Potsdam produzierten Filmen.

Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ soll darunter sein oder auch Roman Polanskis mit drei Oscars ausgezeichneter Film „Der Pianist“. „Das Projekt ähnelt dem Walk of Fame in Hollywood, unsere Idee ist dennoch besonders – weil wir nicht einzelne Personen ehren, sondern die Filme in den Mittelpunkt stellen“, erklärt Sommer.

Frischer Wind durch junge Perspektiven

Auch „Sehsüchte“, Europas ältestes studentisches Filmfestival, hat es erfolgreich in die Bewerbung geschafft. Die Organisation des jährlichen Events liegt in den Händen der Studierenden der Filmuniversität. Sie ist fester Teil des Lehrplans. Rund 1.200 Einreichungen prüften die jungen Organisatorinnen und Organisatoren allein für das Festival 2019.

Lisa Nawrocki, Masterstudentin im Fach Medienwissenschaft, hat schon vier Mal beim Festival mitgearbeitet, zum Beispiel bei der Filmauswahl. „Es ist viel Aufwand, all die Filme anzusehen und zu bewerten“, erzählt Nawrocki. „Aber die praktische Arbeit und das Gefühl, ein tolles Festival auf die Beine zu stellen – das ist eine wichtige Erfahrung im Studium.“ Für das Festival 2020 hat Nawrocki die Leitung übernommen. Diesmal werden auch Gäste aus anderen Creative Cities of Film erwartet, sofern es die Coronavirus-Lage erlaubt.

Erste Kontakte gibt es bereits: Nawrocki hat intensiv an der Bewerbung Potsdams als Creative City mitgearbeitet. Sie war dazu auch nach Bradford gereist. Die englische Universitätsstadt ist seit 2009 UNESCO Creative City of Film. Sie bewarb sich als weltweit erste Stadt für diesen Titel. Auch in Zukunft wird sich Nawrocki als Koordinatorin der Potsdamer Aktivitäten im Netzwerk der UNESCO Creative Cities beruflich engagieren. Die Büroräume sind bereits angemietet. Sie liegen mitten in der Medienstadt Babelsberg, dem Herzen der Potsdamer Filmindustrie.

Das Herz der Potsdamer Filmindustrie

Nur wenige Meter vom zukünftigen Creative-City-Büro entfernt liegt die historische Keimzelle der Branche – ein mit Efeu bewachsener Klinker-Altbau. Einst beherbergte er eine Papierblumenfabrik. Hier kam 1911 – Deutschland hatte damals noch einen Kaiser – der Filmpionier Guido Seeber vorbei. Er erkannte in dem kaum bebauten Gelände mit dem leer stehenden Bau den optimalen Standort für das neuartige, gläserne Filmstudio, das er im Auftrag der Deutschen Bioscop GmbH errichten sollte. Schon im darauffolgenden Jahr entstand hier der Film „Totentanz“ mit der Stummfilm-Diva Asta Nielsen.

Heute, mehr als 100 Jahre und fünf politische Systeme später, ist der Altbau zwischen den wuchtigen Filmstudios, Außenkulissen und Bürogebäuden leicht zu übersehen. 42 Hektar umfasst das Gelände der Medienstadt Babelsberg inzwischen. Unzählige bekannte Filme sind hier entstanden, darunter renommierte deutsche Produktionen wie „Sonnenallee“ ebenso wie internationale Spielfilme, etwa Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“.

Neben dem Studio Babelsberg sind auf dem Gelände auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), der Filmpark Babelsberg sowie die Filmuniversität Konrad Wolf beheimatet. Hohe Industriehallen und Bürogebäude beherbergen neben Dienstleistern aus der Filmbranche viele Start-ups mit medientechnologischen Geschäftsideen sowie Co-Working-Spaces.

 

 

Die Stadt als Accelerator

Dass es so viele MediaTech-Start-ups nach Babelsberg zieht, ist indes nicht nur der Attraktivität des Filmstandorts zu verdanken. Die Stadt unterstützt und fördert Gründungen auch aktiv. Seit 2017 gehört Potsdam zu einem Netzwerk thematisch ausgerichteter „digitaler Hubs“, einer Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums. Als Hub für Media-Tech vernetzt Potsdam Gründungsteams und Unternehmen miteinander und stellt Office-Spaces zur Verfügung.

Ob App, digitale Arbeitshilfe für Filmproduktionen oder Künstliche Intelligenz – den Überblick über zahlreiche Gründungen in Potsdam hat die Hubmanagerin Andrea Wickleder: „Der Hub knüpft an die lange Tradition der Vernetzung an“, betont sie. Unter anderem lädt er zu einer branchenübergreifenden Konferenz, und der „MTH-Accelerator“ begleitet Teams ein halbes Jahr dabei, ihre Geschäftsideen mit professioneller Unterstützung weiterzuentwickeln. „Oft rufen mich auch einfach Unternehmen an, weil sie technische Unterstützung suchen. Dann kann ich sie direkt mit einem Start-up zusammenbringen“, erzählt Wickleder.

Filmerlebnis der Zukunft

Eines der innovativen Start-ups in Babelsberg liegt direkt in einer Filmstudio-Halle der Medienstadt. Der Weg zu dem 2018 gegründeten Unternehmen Volucap führt an kahlen Betonwänden und funktionalen Studio-Schildern vorbei. Hinter der unscheinbaren Eingangstür geht es futuristisch zu: Herz des Studios ist eine zylindrische Konstruktion, etwa vier Meter hoch und sechs im Durchmesser. Aus den mit weißem Stoff bespannten Wänden ragen paarweise 32 hoch-auflösende Kameras.

Im Volucap lassen sich dreidimensionale Filme von Personen herstellen. Die aus den Aufnahmen der Einzelkameras zusammengerechneten 3-D-Filme kommen bei Augmented- oder Virtual-Reality-Anwendungen zum Einsatz. Die Fantastischen Vier haben hier zum Beispiel schon gedreht, Linda Zervakis hat für eine Augmented-Reality-Version der „Tagesschau 2025“ Nachrichten gesprochen.

„Reale Personen sind ganz wichtig für die Emotionalität“, erklärt Thomas Ebner, Chief Technology Officer von Volucap. „Mit am Computer geschaffenen Avataren gerät man schnell an Grenzen, etwa bei den Bewegungsabläufen und der Mimik, aber auch den Faltenwürfen der Kleidung.“ Weil es nur eine Handvoll solcher Studios weltweit und nur dieses eine in Europa gibt, fliegen Kunden ihre Filmteams von weit her ein – noch. „Wir arbeiten schon an einem mobilen System“, verrät Ebner.

Wo Wissenschaft auf Kreativität trifft

Nur wenige Minuten zu Fuß vom Volucap entfernt liegt die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, ein verwinkelter Bau mit viel Glas und mehreren Lichthöfen. Das Studienangebot umfasst sämtliche Gewerke, die für eine Filmproduktion nötig sind: Regie und Szenographie sind darunter, aber auch Filmmusik, Drehbuch oder Montage. Andere Studiengänge widmen sich Film von einer theoretischen Seite, wie etwa Medienwissenschaft.

Die Universität setzt immer wieder Impulse, um die Filmwirtschaft in die Zukunft zu führen, mit Themen, die sie auch ins Netzwerk der UNESCO Creative Cities hineintragen möchte. So gründete 2012 die Filmuniversität zum Beispiel gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die „Green Film Initiative“, die sich für eine klimaschonende Filmproduktion einsetzt. Sie steht in Einklang mit den Klimaschutzzielen der Stadt – bis 2050 will Potsdam klimaneutral sein. Um dieses Ziel auch in der Filmproduktion und im Filmtourismus zu erreichen, entwickelt die Universität aktuell zusammen mit anderen Akteurinnen und Akteuren der Filmszene einen Masterplan für nachhaltige Filmproduktion. Auch Erfahrungen der anderen UNESCO Creative Cities of Film sollen in den Plan einfließen. Der Zeitplan ist ehrgeizig: 2023 sollen bereits erste Maßnahmen umgesetzt sein.

Potsdams Weg in die Zukunft

Ein weiteres aktuelles Forschungsvorhaben scheint direkt an den Titel „Creative City“ anzuknüpfen: Im Projekt „Das filmische Gesicht der Städte“ sucht die Medienwissenschaftlerin Anna Luise Kiss nach Spuren, welche die Filmgeschichte in der Stadtlandschaft hinterlassen hat. In Potsdam ist dazu ein Citizen-Science-Projekt geplant, bei dem Bürgerinnen und Bürger Orte mit Filmbezug auf einer Webseite zusammentragen. In Aarhus, der dänischen Medien- und Partnerstadt des Projekts, sollen Studierende diese Aufgabe übernehmen. „ Ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft ähnliche Projekte mit anderen Creative Cities durchführen können“, sagt Kiss.

Diesen Artikel und viele weitere interessante Inhalte finden Sie in unserem Jahrbuch:

Publikation

Jahrbuch der Deutschen UNESCO-Kommission 2019-2020.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2020

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