Auf ein Wort,

OER haben enormes Potenzial für das lebenslange Lernen

Ingo Blees

Ingo Blees
Koordinator der Informationsstelle OER

Prof. Dr. Verena Metze-Mangold

Prof. Dr. Verena Metze-Mangold
Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (2014-2018)

Jöran Muuß-Merholz

Jöran Muuß-Merholz
OER-Experte der Bildungsagentur Jöran & Konsorten

Wo liegt das Potenzial von Open Educational Resources (OER)?

Muuß-Merholz: Das Potenzial von OER ist in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich angelegt. In Deutschland haben wir eine recht luxuriöse Situation im internationalen Vergleich. Wir haben relativ gute Materialien und guten Zugang. Aber man darf nicht unterschätzen, dass in der digitalen Welt schon niedrige Hürden Menschen vom Zugriff auf Materialien abhalten. Wenn sie also bei Google etwas nicht schnell finden oder sich erst registrieren müssen oder auch nur wenig bezahlen müssen, erreichen wir sie nicht. Wir brauchen also einen einfachen, unkomplizierten und niedrigschwelligen Zugang, auch in Deutschland.

Blees: Ich denke, dass OER enormes Potenzial für das lebenslange Lernen haben. Durch offene Bildungsmaterialien ist der Zugang zu Bildung nicht mehr an Institutionen gebunden. Ich kann die Materialien entlang meiner Bildungsbiographie einfach mitnehmen, um meine Skills aufrecht zu erhalten. Ein weiteres Potenzial ist sicher die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von OER. Ich kann mit den Materialien passgenauere Unterrichtsszenarien erstellen. Das ist ein Potenzial, was in einigen Teilen der Welt teilweise bereits eingelöst wird.

Metze-Mangold: Aus meiner Sicht haben OER enormes Potenzial weltweiten Ungleichheiten entgegensteuern zu können. Das setzt natürlich voraus, dass ein rechtliches Umfeld geschaffen wird, welches einen freien Zugang ermöglicht. Auch müssen die Materialien relevant und hochwertig sein. Dann ist Teilhabe möglich und zwar von Kapstadt bis Tallinn! Ein weiteres Potenzial von offenen Bildungsmaterialien ist, dass Inhalte auf ganz neue Weise kollaborativ und mit gesammeltem Wissen entstehen. Es wird also viel kreativer gearbeitet. Ich glaube, dass das Innovationspotenzial viel größer ist, wenn die vielen klugen Köpfe weltweit zusammen arbeiten. Auch fördert das den Spaß am Lehren und Lernen.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich bei der Förderung von OER?

Blees: Um es etwas schematisch zu sagen, inzwischen so etwa in der Mitte. In den letzten fünf Jahren haben wir eine rasante Entwicklung beobachten können. Es gibt schon länger eine ziemlich aktive Grassroot-OER-Community. Die Bildungspolitik hatte auch schon eine Weile einen Blick auf das Thema geworfen. Es hat dann aber etwas länger gedauert, bis die Entscheidungsvorbereitung durch war und dieses Thema für förderungswürdig gehalten wurde. Mein Eindruck ist, dass wir jetzt in Deutschland mit dem Beginn des OER-Förderprogramms vom Bundesministerium für Bildung und Forschung noch mal eine deutlich stärkere Dynamik haben. Wenn ich das allerdings mit dem vergleiche, was man auf dem Weltkongress in Ljubljana so alles mitbekommen hat, haben wir sicher noch Luft nach oben. Andere Länder haben OER beispielsweise komplett in Ressortstrategien verankert. Das ist schon beeindruckend.

Metze-Mangold: Ich habe auf dem Weltkongress auch mit großem Erstaunen und Freude gesehen, dass ganz kleine Staaten sehr holistische Strategien entwickelt haben. Da sind wir trotz aller Fortschritte seit 2012 glaube ich noch nicht angekommen. Auch auf EU-Ebene gibt es sehr interessante Entwicklungen. Die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission hat im Rahmen des „Open-Edu“ Projekts eine Reihe von Studien veröffentlicht. Dort geht es zum einen um eine Bestandsaufnahme von offener Bildung in Europa anhand konkreter Fallbeispiele, zum anderen sollen hier auch politische Leitlinien erarbeitet werden. So ist im Jahr 2016 ein Aktionsrahmen erschienen, der tertiären Bildungseinrichtungen Strategien zur Förderung von offener Bildung empfiehlt.Vor kurzem hat die EU-Kommission zudem allgemeine politische Empfehlungen zu offener Bildung für EU-Mitgliedstaaten veröffentlicht. Ich hoffe, dass wir dadurch neue Anstöße bekommen, nochmal breiter über die Chancen von OER im Zusammenhang einer digitalen Agenda Deutschlands nachzudenken.

Muuß-Merholz: Eine Sache, die ich noch ergänzen würde, ist, dass Deutschland einen sehr starken Austausch zu OER innerhalb der Community hat. Hier arbeiten Menschen auch über die Grenzen von Bildungsbereichen hinweg sehr intensiv zusammen. Es ist ja nicht so, dass wir ein fertiges Handbuch ins Netz stellen können, das nur noch in alle Welt transportiert werden muss. Nein, wir sind in einem kollektiven Lernprozess und probieren gemeinsam aus, was funktioniert und was nicht. Diese enge Zusammenarbeit stößt international auf großes Interesse.

Was sollte die UNESCO leisten, um OER noch besser zu fördern?

Muuß-Merholz: Ich würde zunächst mal betonen, dass die UNESCO und die Deutsche UNESCO-Kommission im Besonderen schon einen großen Beitrag dazu geleistet haben, die OER-Akteure zusammenzubringen und Aufmerksamkeit auf das Thema zu richten. Beim ersten OER-Weltkongress 2012 war Deutschland so gut wie gar nicht anwesend und 2017 in Ljubljana hat Deutschland die größte Delegation gestellt. Das ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass die Deutsche UNESCO-Kommission Sichtbarkeit für das Thema geschaffen und Kontakte hergestellt hat. Das war tatsächlich für diese Phase ganz entscheidend.

Metze-Mangold: Die UNESCO war tatsächlich Vorreiter bei diesem Thema und hat es seit 2002 sehr stark gefördert. OER sind ein hervorragendes Instrument, um das Globale Nachhaltigkeitsziel 4 zur Bildung weltweit umzusetzen. Es ist ein klarer Auftrag an die UNESCO, für den Einsatz dieses Instruments weltweit zu werben und tragfähige Konzepte und Politiken anzubieten. Nur dann kann eine Transformation der Bildung gelingen mit dem Ziel mehr Zugang zur Bildung, mehr Gerechtigkeit und mehr Qualität, im Sinne des Globalen Nachhaltigkeitsziel 4.

Blees: Die UNESCO unterstützt Staaten ja auch mit Policy Beratung. Das finde ich ausgesprochen hilfreich. Durch eine noch intensivere Beratung könnten viele Staaten bestimmt klarer sehen, wie sie OER fördern können und das ganzheitlich im Rahmen einer digitalen Bildungsstrategie.

Beamen wir uns in das Jahr 2030. Welche Rolle spielen OER dann bei der Erfüllung des Versprechens seitens der internationalen Staatengemeinschaft hochwertige und chancengerechte Bildung für alle zu gewährleisten?

Muuß-Merholz: Wenn ich die Perspektive eines Educators irgendwo auf der Welt übernehme, ob in Deutschland oder Kirgisistan oder Swasiland, ob an einer Schule oder Hochschule oder im Weiterbildungsbereich, dann würde ich mir für 2030 wünschen, dass ich mich mit Hilfe von offenen Bildungsmaterialien voll auf meine Pädagogik, ihre Qualität und den Zugang dazu konzentrieren kann. Ich wünsche mir, dass sich Lehrkräfte dann keine Gedanken mehr um juristische, organisatorische oder technische Fragen machen müssen. OER kann viele Antworten liefern, um das Leben der Menschen zu erleichtern, die letztlich für die Bildung vor Ort verantwortlich sind, nämlich der Pädagogen.

Blees: Ich würde auch sagen: OER kann eine ermöglichende Rolle spielen, um pädagogische Innovationen umzusetzen. Also zum Beispiel eine größere Einbeziehung der Lernenden in Lernszenarien, eine schnelle Anpassbarkeit der Materialien an aktuelle Entwicklungen, an aktuelle Themen. Mehr Originalität und Kreativität bei der Erstellung von Bildungsmaterialien. Dazu muss ein bildungsfreundlicheres Urheberrecht beitragen, damit Lehrkräfte sich auf das pädagogische Geschehen konzentrieren können.

Metze-Mangold: Ich habe die Vorstellung, dass wir über OER hinaus im Jahr 2030 eine Kultur kreativer Zusammenarbeit entwickelt haben werden und zwar in allen Dimensionen der Bildung. Nur dann werden wir die internationale Zusammenarbeit vertiefen, Barrieren beim Zugang zum globalen Wissen abbauen und neue, kreative Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entwickelt haben. Das ist mein Wunsch.

Quellen

1 Inamorato dos Santos, A., Punie, Y., Castaño-Muñoz, J. (2016): Opening up Education: A Support  Framework for Higher Education Institutions.

2 Inamorato dos Santos, Andreia, Punie, Y. (2017). Going open: policy recommendations on open education – EU Member States.

Weitere Informationen 

Open Educational Resources

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